Denn
heute geht es, seitdem die Gewalt brutal alles in der wirklichen Welt überwältigen
kann, egal wen, egal wann, egal wo (d.h. außerhalb des geschützten
Raumes des Dojo, wo man davon ausgehen kann, daß alle ethischen und
moralischen Codices allgegenwärtig sind und respektiert werden), auf
eine zugespitzte Weise darum, die Rolle, die eine authentische
"Kriegskunst" spielen kann, gut zu definieren; dies vor allem
dann, wenn man auf ein Problem der wirklichen Lebens antworten muß:
welches Vertrauen kann man in die Antworten der wahren Kriegskunst
haben, in ihre Tradition, die ihren Inhalt aus den alten geschichtlichen
und traditionellen Wurzeln schöpft, gegenüber einer "absoluten
Gewalt", die dabei ist, unsere Gesellschaft zu überfluten? Das ist
nicht leicht. Aber von der Antwort könnte das Überleben dieser Art abhängen,
so einfach ist das. Daher kann auch jede intelligente Analyse, die aus
einem kritischen Geist hervorgeht, konstruktiv sein in der Ausarbeitung
einer "neuen kriegerischen Ausgangssituation", die damit für
die Praxis im Dojo nötig ist, damit sie glaubwürdig genug bleibt, um
dem systematischen Abbau von all dem entgegenzuwirken, was ihre Identität
ausmacht, durch all die modernen Kampfsysteme, die so schnell aus diesem
Nährboden wachsen. Ich nenne das willentlich Shin-Budo
("neuer martialischer Weg") und schlage seit gut fünfzehn
Jahren eine mögliche Version davon vor, die u.a. zweifellos hervorgeht
aus der Einsicht (?) der Dringlichkeit des Vorgehens... Mein,
unser (falls Sie sich mir im Verband "Centre de Recherche Budo -
Institut Tengu" angeschlossen haben), "Tengu-Weg" (Tengu-no-michi), ist aus dieser Einsicht geboren. Er umfaßt drei
Kompetenzbereiche (Tengu-ryu
karatedo, Tengu-ryu kobudo und Tengu-ryu
hojutsu), und hat diese kostbaren Schätze, nämlich die alten
skrupulös von Generationen von Übenden weitergegebenen Erfahrungen
sorgfältig bewahrt; er beinhaltet jedoch auch das Ergebnis des beständigen
Hinterfragens, wie es aus der Beobachtung der heutigen Welt hervorgeht.
Für jemanden, der nur der Tradition anhaftet, ist das bestimmt nicht
leicht zu akzeptieren. Denn er denkt, daß er sie verrät, falls er das
tut... Und doch ist es diese Entwicklung, welche die alte Kunst vor dem
Desinteresse und vor dem Vergessen bewahren kann. Denn es ist eine
Neuerung, keine Verleugnung. Besser noch: dieses Vorgehen ist sogar ein
Bewahrer in der Geschichte der Kriegskünste. Man muß nur das noch mal
lesen (aber sorgfältig...), was man vom Leben der einstigen Meister weiß...
Wenn
die Kriegskünste, die wir lieben und die wir weitergeben wollen, überleben
wollen, dann müssen wir sie vor Ort stark, engagiert, glaubwürdig
lassen, ohne für uns und für andere etwas von ihren überlieferten
Verständniscodes aufzugeben. Nur so werden sie ihre ursprüngliche
Bedeutung bewahren. Und dazu für heute und morgen eine wirkliche
Bedeutung: gewiß, Kampfbewegungen, die immer realistisch sind
(Wirksamkeit), aber die gleichzeitig geprägt bleiben von einem
Moralkodex (Kontrolle), der jedes Abweichen vermeidet. Damit
die bloße Beschäftigung mit der Wirksamkeit nicht damit endet, daß
eines Tages aus dem harten Erlernen der Techniken ... eine Schule der
Gewalt gemacht wird! Ein Resultat, das offensichtlich genau im
Widerspruch steht zu einem kriegerischen "Weg" (Do, Tao).
Sogar beim Sinn muß man wachsam bleiben, so zum Beispiel beim modernen
Karate-Kihon, das, wenn es ohne Geist ist, womöglich ... zur
"Formatierung der Aggressivität" wird. Daher muß man jedes
Amalgam völlig ablehnen: ein Wettkampfsport hat nichts bei einer
Kriegskunst zu suchen. Oder nur wenig: nur ein Behälter ohne Inhalt …
ein blasser Abglanz eines echten, doch verlorenen Schatzes… Man muß
dafür sorgen, daß diese Konfusion eines Tages aufhört!
Ganz
dringend muß man Distanz halten zu all den Verführungen, die aus dem
Spiel, aus der Ästhetik, aus der Kunst, aus dem Kommerz kommen... Damit
all diese Richtungen, die ganz gewiß möglich sind in einer Welt, wo
alle Ausdrucksformen frei in einer gegenseitigen Toleranz koexistieren können,
nicht damit enden, den Hauptgrund der Existenz der authentischen Künste
der Tradition zu verfinstern: die Beschäftigung mit dem
Äußeren UND mit dem Inneren des
Selbst (von sich selbst)...
Die
Kriegskunst wird nicht ohne Veränderung durch die nächsten Jahrzehnte
kommen, und nur dann aufhören zu sterben, wenn sie sich die Mühe
nimmt, gute Antworten auf die guten Fragen, die man ihr heute stellt, zu
geben... Ich zweifle nicht daran, daß sie in sich immer noch etwas
besitzt, was sie dazu fähig macht. Man muß nur darauf hören, was sie
uns sagen kann. Aber schnell...
Indem
ich Sie bei dieser Reflektion lasse,(1) und auf diesem Riesengebiet der
Forschung, die jeden echten "Budoka" beschäftigt, und wo
jedes "brainstorming" willkommen ist, möchte ich Ihnen ein
wunderschönes neues Jahr 2011 wünschen!
Das
Allerbeste für Sie und Ihre Angehörigen. In Ihrem Alltag wie im Dojo:
als echter "Budoka" macht das für Sie ja keinen Unterschied. Ohne
sich zu schlagen, aber sich auch nie schlagen lassen.... Ohne das
Scannen in alle Richtungen, von wo immer etwas Widriges kommen kann, zu
vergessen. Nehmen sie die Haltung ... Tengu-no-kamae ein! (2) Passen Sie
auch sich und die Ihrigen auf. Und auf alle, die Sie brauchen könnten.
Damit jeder Tag von 2011 in allem, was Sie tun und in allem, wo Sie
dabei sind, ein Sieg wird über das Gestrige (3).....
Auf
baldiges Wiedersehen. Wie angekündigt, wird es im Laufe des neuen
Jahres einige mögliche Zusammenkünfte geben!
Roland Habersetzer
(St-Nabor, im Dezember 2010)
(Vom Französichen
übersetzt : Claudia von Collani, Würzburg)
(1) Diese Überlegung
war das Thema eines Vorwortes, um das mich Jacques Hébert, Professor an
der Ecole de travail social de l'Université von Québec in Montréal
(Canada) gebeten hatte für ein Sammelwerk ("Arts martiaux, sports
de combat et interventions psychosociales"), welches 2011
erscheinen wird. Ich habe gedacht, daß ich das auch hier mit Ihnen
teilen könnte zu Beginng dieses neuen Jahres.
(2) "… die Kampfhaltung auch im täglichen Leben zu zeigen, und
deine normale Haltung sollte immer die Kampfhaltung sein" (Miyamoto
Musashi, Gorin no Sho, aus dem 2. Kapitel "Wasser").
(3) Ich nehme hier wieder etwas vom selben Miyamoto Musashi auf, dieses
"Heute, das ist der Sieg über das, was gestern war" (selbes
Kapitel, vorher).